Innovation

Erfolgreich scheitern? Eine Initiative der Jungen Industrie

By 16. Februar 2014 No Comments

Hierzulande gilt Scheitern oft immer noch als Tabu, wird nach Möglichkeit verheimlicht und in keinster Weise als Chance erkannt: Es gibt keine Kultur des Scheiterns, oder anders formuliert, keine Kultur des Mutes in unserem Land. Was andernorts längst Normalität ist, entwickelt sich in Österreich leider nur sehr langsam. Doch welche Wege gibt es, um den methodischen Umgang mit Scheitern zum integrativen Bestandteil der Unternehmens- und/oder Standort-Strategie werden zu lassen?

Mit Design Thinking systematisch zur Innovation

Die Junge Industrie Niederösterreich und Burgenland hat diese Frage zu ihrem zentralen Thema gemacht. In einer von mir gemeinsam mit Brainds entwickelten und moderierten Workshop-Reihe wurden Antworten auf zwei Ebenen gesucht: Wie kann ich als Unternehmer – auf der Suche nach Innovation – Design Thinking einsetzen um erfolgreich zu scheitern? Und was muss in Österreich passieren, um eine Kultur des Mutes (zum Scheitern) Realität werden zu lassen – von der Wirtschaft über die Politik bis zur Bildung.

Der Workshop spannte einen lebendigen Bogen rund um das Themen „Scheitern und Mut“: Diskussionen in der Gruppe zu den Attributen und Charakteristika von Mut standen ebenso auf dem Programm wie die gemeinsame Beleuchtung des Szenarios „Wie wäre es, wenn alles gut wäre?“ und die Ableitung konkreter Handlungsempfehlungen zur Etablierung einer „Kultur des Mutes“ – im Hinblick auf das Wirken als Führungskraft im eigenen Unternehmen sowie als verantwortungsbewusster österreichischer Staatsbürger.

In Zukunft klüger scheitern

Beim „Tag des Scheiterns“ im Haus der Industrie , veranstaltet von der Jungen Industrie NÖ/Bgld, diskutierten 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Persönlichkeiten aus unterschiedlichsten Bereichen über Erfolg und Misserfolg. Diskutanten waren Dr. Michaela Fritz (Vizerektorin für Forschung, MedUni Wien), DI Michael Altrichter (Gründer paysafecard, Business Angel), Mag. Gerhard Zeiner (COO SAP Österreich GmbH). Moderation: Klaus Weissmann & Oliver Heiss.

„Wir haben in Österreich eine Kultur, die Erfolg neidet und Misserfolg nicht als Chance sieht“, so der Vorsitzende der Jungen Industrie (JI) NÖ/Bgld, Ing. Mag. (FH) Matthias Unger anlässlich des „Tag des Scheiterns“. „Dabei ist Scheitern etwas ganz Natürliches – wichtig ist, dass man daraus lernt. Wir müssen unser Mindset in dieser Hinsicht überdenken und unsere Potenziale stärker nutzen. Denn Unternehmen, die gut mit Fehlern umgehen können, gehen auch gut mit Innovation um. Genau diesen Impuls benötigt der Wirtschaftsstandort Österreich, der zuletzt stark unter Druck geraten ist“, so Unger: „Mit dem Tag des Scheiterns wollen wir zu einem positiven Kulturwandel und zu mehr ,Mut zum Scheitern‘ in Österreich beitragen.“

Mahrer: Weg von der ‚Vollkasko-Mentalität‘

Dass ein Kulturwandel nötig ist, sieht auch Dr. Harald Mahrer, Staatssekretär im Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft: „Wir müssen weg von der ‚Vollkasko-Mentalität‘ und hin zu einer ‚Mentalität der zweiten Chance‘. Wer durchstarten will, muss auch scheitern dürfen. Manchmal braucht es eben einen zweiten oder dritten Anlauf. Das müssen wir noch mehr unterstützen“, so Mahrer, der sowohl die Politik als auch die Gesellschaft insgesamt gefordert sieht. „Wichtig ist, dass wir gemeinsam eine neue Unternehmenskultur etablieren, die ein unternehmerisches Scheitern akzeptiert. Unternehmerisches Denken muss mit mehr Mut gefördert werden. Ein möglicher Misserfolg kann natürlich passieren, aber wer hinfällt, muss wieder aufstehen und weitermachen. Erfolgreich ist nur der, der hart weiter arbeitet, Disziplin an den Tag legt und das gesetzte Ziel weiter verfolgt.“

Dies müsse mit konkreten Schritten erfolgen: „Die österreichische Gründerland-Strategie ist ein erster zentraler Schritt für ein unternehmerisches Österreich. Große Schritte am Weg zum Gründerland Nr. 1 sind das Crowdfunding-Gesetz oder die Verkürzung der Sperrfrist für einen neuerlichen Schritt in die Selbstständigkeit von fünfzehn auf fünf Jahre im Rahmen des Neugründungs-Förderungsgesetz.“

Scheitern und Ungeduld sind ein Paar

„Unternehmerisch tätig zu sein, bedeutet Risiken einzugehen. Fehler machen gehört dazu und muss auch erlaubt sein, wenn man die Verantwortung und das Risiko trägt“, erläutert Mag. Norbert Zimmermann, Hauptaktionär und Aufsichtsratsvorsitzender der Berndorf AG. „Scheitern und Ungeduld sind ein Paar, das auch auf mich zutrifft, und das ich zu vermeiden lernen musste“, so Zimmermann über seine eigene Einstellung zum Thema Scheitern. In seiner Rolle als Business Angel sieht er definitiv Verbesserungspotenzial am Wirtschaftsstandort: „Österreich ist zurzeit nicht der attraktive Gründungsstandort, der Anziehungspunkt für die innovativsten und produktivsten (Nachwuchs-) Kräfte, der es sein könnte. Um Österreich als Standort für Startups attraktiver zu machen, ist aber nicht nur die Politik gefordert. So haben sich zum Beispiel Partnerschaften zwischen etablierten Unternehmen und innovativen Startups international wiederholt als Erfolgsrezept bestätigt.“

Für den ehemaligen Skirennläufer Thomas Sykora, MBA, der in seiner aktiven Karriere einmal Olympia Bronze und zweimal den Slalom Weltcup gewonnen hat, ist Scheitern etwas Alltägliches: „Als Spitzensportler sind wir tagtäglich mit Erfolg und Misserfolg, Siegen und Niederlagen konfrontiert. Einerseits sind wir Experten in Sachen Zielerreichung, Sicherheitsbewusstsein und Risikoabwägung, anderseits kann man in einem Skirennen jede Sekunde scheitern, und viele Karrieren sind von Verletzungen geprägt. Man entwickelt die mentale Fähigkeit, damit umgehen zu können, dass zwischen Sieg und Niederlage nur Bruchteile von Sekunden liegen und kann aus Misserfolgen wieder Kraft und Motivation schöpfen.“

meinebestenfehler.at

Unternehmer Damian Izdebski, der nach der Insolvenz von DiTech 2014 im heurigen Jahr wieder ein neues IT-Unternehmen techbold technology group gegründet hat, setzt sich gegen die Stigmatisierung „gescheiterter“ Unternehmer in Österreich ein. „Ich habe in den Monaten rund um die Insolvenz mehr gelernt als in den 15 Jahren meiner unternehmerischen Karriere zuvor. Viel wichtiger und emotional schmerzvoller war allerdings die Lektion über die Menschen, über Freundschaften und Loyalität. Scheitern ist in unserer Gesellschaft tabu. Eine zweite Chance bekommen bei uns nur die Wenigsten, obwohl sie an wichtigen Erfahrungen reicher geworden sind“, so Izdebski: „In den Vereinigten Staaten ist die Mentalität und der Umgang mit Misserfolgen ein ganz anderer. Hier können wir uns einiges an Unternehmerkultur abschauen!“