Transformation

Die Suche nach dem evolutionären Gen

By 21. Dezember 2015 No Comments

Organisationen, die es haben, leben längst ihre Veränderung. Für andere geht’s jetzt ans Eingemachte: Die Transformation steht an.

Die Führung eines Autohauses spürt, dass ihr altes Erfolgsmodell – Autos verkaufen und am Service verdienen – langsam zum Auslaufmodell wird. Viele Menschen nutzen zwar noch gerne Autos, müssen sie aber nicht mehr besitzen. Im Autohaus dreht sich die Welt weiter wie bisher. Die Verkäufer üben sich in der Bildschirm-Beratung, freuen sich über ihre digitalen Fahrzeugkonfigurationen oder inszenieren Autoverkäufe im Retro-Stil. Unruhe liegt in der Luft, Veränderungen kündigen sich an. Denn: Von der Gegenwart aus zeigt sich die Zukunft gerne auch mal als Krise. Das erzeugt Unbehagen. Intuitiv wissen alle, dass es nicht mehr weitergehen kann wie bisher. Höchste Zeit, die Notbremse zu ziehen und sich darüber klar zu werden, was los ist – die Transformation beginnt.

Die Entwicklung der kreativen Wissensgesellschaft, der Übergang von der analogen zur digitalen Wirtschaft, neue Kundenanforderungen oder die Werte der Millennials bringen Unternehmen ins Wanken. Etablierte Branchen lösen sich auf, bewährte Geschäftsmodelle versagen.Einige Organisationen haben das Veränderungsgen bereits seit Jahrzehnten in ihrer DNA und begreifen sich als lebendiges System. Sie wissen, dass langfristiges Planen in einer dynamischen Wissensgesellschaft nicht mehr zielführend ist. Andere glauben nach wie vor an Stabilität und Wiederholbarkeit. Sie rebellieren gegen die Veränderungen.

Transformation light

In einem ersten Reflex versuchen Organisationen, Stabilität mit bewährten Methoden zu erreichen, sozusagen eine Transformation light. Viele haben so einige Runden Change Programme, Digitalisierungsstrategien oder Leitbildprozesse hinter sich gebracht. Viel zukunftsfähiger, vitaler und glücklicher sind sie dabei allerdings nicht geworden. Warum? Es wurde nur an Symptomen herumgedoktert. Ein bisschen Digitales, ein wenig Leadership oder Holakratie. Bestenfalls landen ein paar neue Keywords im Leitbild. Die wirkliche Transformationsfrage bleibt unberührt: Wie sieht die Organisation als lebendiges, sinnstiftendes und zukunftsfähiges System aus? Nachhaltige Veränderung bedeutet ein tief greifendes Umformen und Neuausrichten und meist auch schmerzvolles Loslassen von überholten Zukunftsbildern. Transformation geht ans Grundsätzliche, Fundamentale. Transformation kann auch heißen, die Existenz der Organisation selbst infrage zu stellen. Sie ist also kein trivialer und beliebig skalierbarer Standard-Prozess. Sie funktioniert nur mit einer konstruktiven Geisteshaltung. In einer Phase, in der das Alte nicht mehr und das Neue noch nicht existiert, gilt es, agil und achtsam zu planen und umzusetzen. Folgendes trägt zum Gelingen von Transformationsprozessen bei:

Sinn und Motivation?

Transformation braucht Sinn, sie braucht eine leidenschaftliche Begründung, ein gemeinsames Wollen. Nur mal schnell und weil es derzeit alle machen ist zu wenig. Am Beginn steht das Formulieren von Entwicklungsfragen, die in die Zukunft weisen und Spielraum für kreative Entwicklungen lassen. Schnell wird deutlich, wo die Motive und Beweggründe für eine Transformation liegen. Geht es, um bei unserem Beispiel Autohaus zu bleiben, um das Autohaus der Zukunft, um eine smarte Mobilitätslösung für junge, urbane Menschen oder um ein radikal neu gedachtes Business-Modell?

Mindset und Labore der Zukunft

Es braucht eine gute Portion Sowohl-als auch-Denken, eine gemeinsame Orientierung an zukünftigen Möglichkeiten, Vertrauen in Ressourcen, Intuition und Neugierde. Es gilt, im Unternehmen jene Menschen zu finden, die dafür brennen, ihre Zukunft zu gestalten. Eine leidenschaftliche Führung und ein kleines, motiviertes Team können bereits großartige Veränderungen initiieren. Einen gemeinsamen Blick auf das Gesamtsystem schafft man nur abseits des Alltags. Teams brauchen Reflexionsräume, die gemeinsames Sehen und Verstehen ermöglichen. Spielräume für Co-Creation und Prototyping-Prozesse sind erforderlich. Diese können intern als Zukunfts-Labs oder organisationsübergreifend als gemeinsame Co-Creation- Formate gestaltet sein. Das Modell der „Theory U“ von C. Otto Scharmer, Achtsamkeit und Design Thinking sind dabei wichtige Grundlagen. Die Design-Frage unseres Autohauses etwa wurde in einem 2-tägigen Co-Creation-Festival von externen Design-Teams bearbeitet. Die Ergebnisse dieser Sprints lieferten die Grundlagen für ein neues Geschäftsfeld. Ganz wichtig: Die neuen Ideen werden als Prototyp ausgebaut und getestet. So war gleich zu sehen, was funktioniert und wo es noch hakt.

Community und Co-Creation

Die Kraft der Veränderung liegt vor allem in der Vielfalt co-kreativer Teams. Nicht immer sind Organisationen intelligente Systeme, viel zu oft unterliegen sie systemimmanenter Schwarmdummheit. Transformationsprozesse brauchen also Störungen: neue Denkweisen, Einschätzungen und Blickwinkel aus anderen Branchen. Eine kreative Community ist eine gute Mischung unterschiedlicher Disziplinen, Kompetenzen und Erfahrungen interner und externer Personen. Im Autohaus kamen durchbrechende Ideen von einer Werbedesignerin und einem Software-Ingenieur. Beide wussten bis vor dem Design-Prozess recht wenig über Autohäuser. Unternehmen stiften Sinn – vor allem für ihre Kundinnen und Kunden. Deshalb ist es notwendig, sie in den Entwicklungsprozess zu integrieren. Viele Organisationen sind oft zu weit weg von ihrem Markt; zu groß ist die Angst, mit Kritik oder neuen Ideen konfrontiert zu werden. Wenn externe Personen integriert werden, können viele neue Sichtweisen, Bedarfe und Potenziale identifiziert werden. Co-Creation wirkt dabei wie ein Entwicklungsturbo. Auch im Autohaus: Mit der Einbindung von externen Personen in die Co-Creation wurde rasch und kostengünstig klar, welche Arten neuer Mobilität gefragt sind und was diese für die Angebote eines Autohauses bedeuten.

Prototypen: entwickeln und umsetzen

Zukunft wird begreifbar, sobald wir die Weisheit unserer Hände nutzen und Probleme, Ideen oder Business-Modelle als Prototypen bauen. Das erzeugt einen ungeahnten Motivations- und Erkenntnis-Schub. So ist das Unbehagen unseres Autohauses, als Lego-Szenario dargestellt, plötzlich begreifbar. Ebenso entwickelt der neue Mobilitätsstore als Prototyp mitten im Unternehmen ungeahnte Dynamiken und lädt zum Weiterentwickeln ein. Ein perfekter Nährboden für neue Ideen. Prototypen bringen Menschen schnell ins gemeinsame Tun, sie schaffen kreative Lernräume. Dadurch entstehen Verbindlichkeit und Vertrauen. Transformation gelingt durch den Mut zum Experiment und zur Bereitschaft, dabei rasch zu scheitern. Geleitet von Achtsamkeit, neutraler Präsenz und Empathie.

Erschienen im Hernsteiner, Co-Creation Peter Webhofer & Klaus Weissmann